Ein Farbton, der im Musterheft eines süddeutschen Herstellers warm und einladend wirkt, kann in einem Lübecker Wohnzimmer erstaunlich kühl und grau erscheinen. Das liegt nicht an der Farbe – es liegt am Licht. Und das ist im Norden nun einmal ein anderes.
Warum das Licht hier kühler ist
Je weiter man nach Norden kommt, desto flacher steht die Sonne und desto höher ist der Anteil an diffusem Himmelslicht. Dieses Licht hat eine hohe Farbtemperatur und damit einen deutlichen Blauanteil. Dazu kommen die vielen bedeckten Tage, an denen ausschließlich diffuses Licht in die Räume fällt.
Zum Vergleich: Direktes Sonnenlicht liegt bei etwa 5.000 bis 5.500 Kelvin, ein bedeckter Himmel bei 6.500 bis 7.500 Kelvin, und der blaue Nordhimmel erreicht über 9.000 Kelvin. Das ist ein sichtbarer Unterschied, kein theoretischer.
Die Folge: Farbtöne verlieren an Wärme. Ein sanftes Beige rutscht Richtung Grau, ein helles Grün kann ins Blaugrüne kippen.
Die Himmelsrichtung macht den Unterschied
Nach Norden ausgerichtete Räume bekommen den ganzen Tag ausschließlich diffuses, kühles Licht. Hier funktionieren Farbtöne mit warmem Unterton am besten: gebrochene Weißtöne mit Gelb- oder Rotanteil, warme Erdtöne, sanfte Terrakotta-Nuancen. Reines Weiß wirkt in solchen Räumen fast immer grau und klamm.
Räume nach Süden und Westen erhalten dagegen warmes, direktes Licht. Dort können Sie ruhig kühlere Töne wählen: Salbei, Graublau, klare Weißtöne. Sie wirken dann nicht kalt, sondern angenehm ausgeglichen.
Ostzimmer sind der Sonderfall: morgens warmes Licht, ab Mittag nur noch diffuses. Hier lohnt es sich besonders, die Muster zu beiden Tageszeiten zu beurteilen.
Praktische Regeln für Ihre Farbwahl
Diese Punkte helfen Ihnen, den Einfluss des Lichts von vornherein mitzudenken:
Nordräume: Farbtöne mit warmem Unterton wählen, reines Weiß meiden
Süd- und Westräume: kühlere Töne wirken hier ausgeglichen statt kalt
Muster an mehreren Wänden desselben Raumes anlegen, nie nur an einer
Farbtöne bei Tageslicht und bei eingeschaltetem Kunstlicht beurteilen
Auf die Lichtfarbe der Leuchtmittel achten: 2700 K wärmt, 4000 K kühlt ab
Bei kräftigen Tönen den Hellbezugswert prüfen, bevor die Entscheidung fällt
Der Hellbezugswert – die nützlichste Zahl auf der Farbkarte
Auf vielen Farbkarten steht ein Hellbezugswert, kurz HBW. Er gibt an, wie viel Prozent des Lichts ein Farbton zurückwirft: 100 wäre ideales Weiß, 0 ideales Schwarz. Für Nordräume rate ich zu Tönen ab etwa 70 – darunter wird es schnell drückend, weil ohnehin wenig Licht im Raum ankommt.
Der Wert ist auch für die Decke wichtig. Wird sie deutlich dunkler gestrichen als die Wände, verliert der Raum spürbar an Höhe. Umgekehrt kann eine sehr helle Decke einen kräftigen Wandton gut ausgleichen.
Bei einer Farbberatung schaue ich mir deshalb nie nur die Wände an, sondern auch Fenster, Verschattung und die vorhandenen Leuchten. Manchmal ist der wirksamste Eingriff gar kein anderer Farbton, sondern ein Leuchtmittel mit passender Lichtfarbe.