Wenn ein Anstrich nach zwei Jahren reißt, abblättert oder fleckig wird, liegt das fast nie an der Farbe. Es liegt am Untergrund. Der Anstrich ist nur die letzte, sichtbare Schicht – die Qualität eines Malerprojekts entsteht in den Arbeitsschritten davor, die später niemand mehr sieht.
Erst prüfen, dann streichen
Bevor ich in einem Raum auch nur einen Pinsel ansetze, prüfe ich, was ich vor mir habe. Das dauert selten länger als eine halbe Stunde, entscheidet aber über das gesamte weitere Vorgehen.
Vier Proben reichen dafür fast immer aus. Die Wischprobe mit der Handfläche zeigt, ob der Altanstrich kreidet. Die Kratzprobe mit dem Spachtel verrät, ob er tragfähig ist. Mit der Klebebandprobe erkenne ich, ob sich Schichten lösen. Und die Benetzungsprobe mit Wasser zeigt die Saugfähigkeit: Perlt das Wasser ab, ist der Untergrund gesperrt – zieht es sofort ein, ist er stark saugend.
Aus diesen vier Ergebnissen ergibt sich, ob grundiert werden muss, mit welchem Produkt und ob der alte Aufbau überhaupt bleiben kann.
Was ich in Lübecker Altbauten oft finde
In den Altbauten der Region treffe ich regelmäßig auf Leimfarbe, kreidende Kalkschichten oder fünf Lagen Raufaser übereinander. Leimfarbe erkennt man daran, dass sie sich mit einem feuchten Schwamm anlösen lässt. Darüber zu streichen funktioniert nicht – die neue Farbe zieht die alte Schicht mit sich.
Auch Nikotin- und Rußbelastung ist ein Thema. Beides schlägt durch normale Dispersionsfarbe innerhalb weniger Wochen wieder durch. Hier hilft nur eine Isoliergrundierung, meist auf Schellack- oder Wasserbasis.
Und dann gibt es den Klassiker: die Wand, die sich beim Abklopfen hohl anhört. Dort hat sich der Putz vom Mauerwerk gelöst. Ein Anstrich darüber wäre reine Kosmetik – die Stelle muss aufgenommen und neu aufgebaut werden.
Die Arbeitsschritte vor dem ersten Anstrich
Je nach Befund gehört Folgendes zur Vorbereitung – und genau diese Positionen finden Sie bei mir auch nachvollziehbar im Angebot wieder:
Abdecken und Abkleben von Böden, Fenstern, Türen und verbleibenden Möbeln
Entfernen nicht tragfähiger Altanstriche und loser Tapetenreste
Ausbessern von Rissen, Dübellöchern und Fehlstellen
Spachteln und Schleifen bis zur vereinbarten Qualitätsstufe
Grundierung passend zum Befund: Tiefgrund bei saugenden, Haftgrund bei glatten, Isoliergrund bei belasteten Untergründen
Absaugen des Schleifstaubs – auf staubigem Untergrund haftet keine Farbe
Warum ich hier nicht spare
Ich werde manchmal gefragt, ob man die Vorarbeit abkürzen könnte, um Kosten zu senken. Man kann – aber der Preis wird dadurch nur verschoben. Ein sauber vorbereiteter Untergrund trägt seinen Anstrich zehn Jahre und länger. Ein schlecht vorbereiteter ist nach zwei Jahren wieder ein Fall für den Maler, dann zusätzlich mit dem Rückbau der misslungenen Schicht.
In der Kalkulation macht die Vorarbeit je nach Zustand 40 bis 70 Prozent des Aufwands aus. Wenn ein Angebot deutlich günstiger ist als die anderen, lohnt sich der Blick genau auf diese Positionen – meist fehlen sie schlicht.
Gutes Handwerk heißt für mich, den Teil sorgfältig zu machen, den hinterher niemand sieht. Genau daran erkennt man später den Unterschied.